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Das Haiku bezeichnet eine aus der japanischen Kultur stammende Gedichtform, die im 12. Jhd. entstand und sich auf drei Zeilen mit insgesamt 17 Silben beschränkt: 5 Silben in der ersten, 7 in der zweiten und weitere 5 in der dritten Zeile. Abgeleitet von einer anderen japanischen Gedichtform, dem Tanka, stellt es gewissermaßen die erste Hälfte eines Tanka dar, der ursprünglich eine zweite mit weiteren 14 Silben verteilt auf 2 Zeilen folgte. Während im ersten Teil des Tanka ein Gedanke aufgegriffen wird, rundet der zweite Teil diesen mit einer Art Schlussfolgerung ab. So ergeben die 5 Zeilen mit insgesamt 31 Silben ein in sich geschlossenes Ganzes.Dass die Silbenzahl überhaupt einen solchen Stellenwert erlangen konnte, beruht auf einer Eigentümlichkeit der japanischen Sprache. Diese kennt keinen Reim. Die Form selbst ist Poesie.

Als der übriggebliebene Rumpf des Tanka weist das Haiku daher die Eigenart auf, unvollendet zu bleiben. Der begonnene Gedankengang bleibt offen und schafft dadurch Raum für das Unausgesprochene, Hintergründige, das durch die wenigen Worte hindurchscheint. Diese besondere Wirkung machte sich vornehmlich der Buddhismus durch Matsuo Bashô, einem der bedeutendsten Haikudichter, zu eigen. Matsuo Bashô (1644-1694), eigentlich Matsuo Munefusa, nahm den Namen des Bananenbaumes (bashô) an, unter dem er im Garten eines Freundes seine Hütte spirituellen Lehren des Buddhismus mit der dafür wie geschaffenen Form des Haiku.eingerichtet hatte. Nachdem er zunächst den traditionellen Weg gegangen war, der ihm als Nachfolger eines alten Samuraigeschlechts vorgezeichnet war, zog er sich nach dem Tod seines Herrn, bei dem er als Edelknabe seinen Dienst versah, in ein buddhistisches Kloster zurück. Hier verband er auf wundervolle Weise die
Der Buddhismus geht davon aus, der Mensch lebe in einer Scheinwelt, deren Elemente einander bedingen und unaufhörliches Leid erschaffen. Diese Scheinwelt entsteht durch das von seinem Willen und seinen Begierden getrübte Bewusstsein des Menschen, der die wahre Natur der Welt nicht erkennt und so auch nicht begreift, dass alles eins ist. Um sich von dem daraus entstehenden Leid zu befreien, muss der Suchende den Grund seines Leidens erkennen und aus der Ursachenkette
berührt dadurch die den Dingen eigene Wirklichkeit. Der ins Jetzt Zurückgeholte erfährt so ein Gefühl der Leere und der Freiheit. Diese Wirkung wird vornehmlich durch die Ausrichtung des Haiku auf die Natur und die Darstellung eines auf die Jahreszeiten bezogenen Eindrucks hervorgerufen. Durch die Bezugnahme auf die Jahreszeiten als Inbegriff von Werden und Vergehen in der Natur wird die Flüchtigkeit des Augenblicks deutlich und die Sinne für den gegenwärtigen heraustreten. Das erreicht er, indem er den Weg der stillen Betrachtung beschreitet. Die Versenkung, die er hier übt, beschert ihm die Erfahrung der reinen Gegenwärtigkeit und er erkennt, dass er als Teil der Ursachenkette das Leid mitverursacht. Dabei hilft ihm das Bewusstsein der Allgegenwärtigkeit des Wahren. Das Haiku greift diese Einsicht auf. Es lenkt den Blick auf das Allzubekannte und Moment geschärft.
In dem Bewusstsein, weder der formstrengen japanischen Kultur zu entstammen, noch von buddhistischer Weltanschauung geprägt zu sein, erheben die vorliegenden Haikus nicht den Anspruch, den japanischen Originalen zu entsprechen. „Die Antwort der Stille“ ist vielmehr das Ergebnis meiner intensiven Auseinander-setzung mit diesem Impuls aus der japanischen Kultur. Beweggrund dafür, diese Gedichtform aufzugreifen und in die europäische Kultur zu übertragen, sind die schlichte Formschönheit und die spirituelle Dimension des Haiku, deren länderübergreifende Allgemeingültigkeit mich von Anfang an faszinierte. Obwohl im Japanischen unüblich habe ich den Haikus Fotos an die Seite gestellt, die bei der Arbeit an dem Gedichtband fast ausschließlich meine erste Inspirationsquelle waren. Sie bringen zum Ausdruck, an wie vielen Stellen des täglichen Lebens die Begegnung mit einem Haiku und dem Wesengehalt der Wirklichkeit möglich ist.