piccolo-verlag

Lippeschlösser

Inhalt des Buches  

Die Lippe - ein stiller Fluss  

Die Lipperenaissance - ein Spezialfall  

Vom Teutoburger Wald bis Erwitte

Die Schlösser der Lipperenaissance. Von Lippstadt nach Lippborg

Die Lippe erreicht das Ruhrgebiet. Von Hamm nach Lünen

Durch das südliche Münsterland. Von Cappenberg bis Lembeck

Und zum Schluss an den Niederrhein. Von Schermbeck bis Wesel

Die Lipperenaissance – ein Spezialfall

Renaissance

Im Wandel der Stilepochen nimmt die Renaissance eine ganz besondere Stellung ein. Sie ist eine geistige Bewegung, die zu einem neuen Weltbild führt und sich ganz bewusst von dem alten Weltbild des Mittelalters abwendet. Ein Paradigmenwandel, wie es ihn zuvor in dieser Schärfe kaum gegeben hat. Sie markiert den Beginn der Neuzeit und erfasst alle Lebensbereiche, insbesondere alle Kunstrich-tungen.
Nach dem Untergang des Römischen Reiches, der mit dem Sturz des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus durch Odoaker besiegelt wor-den war, folgte eine Epoche, die sich zunehmend von der ratio, dem geistigen Orientierungsprinzip der Antike, abwandte und schließlich in der Mystik des Hochmittelalters ihren Höhepunkt erreich-te. Die zivilisatorischen Errungenschaften wie auch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Rö-mer gerieten in Vergessenheit. Das der Leben der Menschen wie auch ihre Kunst war ganz auf die christliche Lehre ausgerichtet. Kulturträger dieser Zeit waren die Mönche in den Klöstern. Sie sammelten zwar altes Schriftgut und bedienten sich der lateinischen und griechischen Sprache, blieben dabei aber auf das kirchliche Weltbild ausgerich-tet und damit weitgehend auf die frühchristlichen Texte. Die Orientierung an weltlichen Zielen und Lebensformen entsprach nicht mehr dem Geist der Zeit. Neben der weltlichen Macht des Kaisertums, einem Erbe der römischen Antike, hatte sich die Kirche als zweiter Machtfaktor etabliert. Der Papst beanspruchte als kirchliches Oberhaupt die geistige Führung in allen wesentlichen Bereichen des ge-sellschaftlichen Lebens.
Die damalige Baukunst spiegelt diese Entwicklung besonders anschaulich wider. Sie erstreckte sich vorrangig auf den Sakralbau und brachte immer größere und prächtigere Kirchbauten hervor, die in den gewaltigen romanischen Domen und den him-melstürmenden gotischen Kathedralen gipfelten.
Auch die anderen Kunstrichtungen wie Malerei, bil-dende Kunst, Dichtung und Musik orientierten sich an dem christlichen Ordogedanken und brachten bis heute gültige Kunstwerke hervor.
In den ersten Jahrzehnten des 15. Jhd. entstand jedoch eine einzigartige geistige Entwicklung, die sich zu dem Kulturphänomen der Renaissance aus-weiten sollte. Wir sprechen heute von der Wieder-geburt der klassischen Antike, die von Italien aus-gehend zunächst die angrenzenden und bald schon die entfernteren Teile Europas eroberte. Auch hier spielte die Baukunst der Zeit eine entscheidende Rolle.
Die Wiederentdeckung der Architekturlehre des an-tiken Schriftstellers Marcus Vitruvius Pollio hatte für das neue Architekturverständnis der Renaissance den entscheidenden Impuls gegeben. Es begann die Erforschung antiker römischer Bauwerke und Bauspolien. Der Verbreitung dieser Studien kam die Entdeckung der Perspektive zu Gute. Denn durch die mathematischen Regeln war den Architekten die Mittel an die Hand gegeben, die dreidimensio-nale Realität wirklichkeitsgetreu wiederzugeben.
Florenz wurde zur Metropole des geistigen und künstlerischen Umbruchs. Richtungsweisend wirkte hier der Baumeister Filippo Brunelleschi (1377-1446). Nach gründlichen Studien der antiken Bau-werke in Rom machte Brunelleschi die Formen und Regeln der klassischen Architektur zum Bauprinzip seiner eigenen Baukunst. Dem lag ein Ordnungs-prinzip zu Grunde, zu dem Säulen und Bauglieder mit festgelegten Maßen und Formen, z. B. dorisch, ionisch und korinthisch gehörten. Das System ba-sierte auf nachprüfbaren Regeln, die in der künstlerisch interessierten Öffentlichkeit, und das war das Besondere dieser Epoche, diskutiert wurden. Hier-durch war es möglich geworden, dass der Renais-sance-Gedanke auch auf andere Gebiete der Kunst und Wissenschaft übergreifen konnte. So entstand schließlich eine geistige Bewegung, die ganz Europa erfasste und zu einer das Mittelalter ablösenden Weltanschauung führte.
In Deutschland war dieser Umbruch von gesellschaftlichen Erschütterungen begleitet und hatte die Folge, dass das scheinbar festgefügte Gebäude der alten Kirche mit dem Papsttum an der Spitze ins Wanken geriet. Luthers (1483-1546) Thesen, die er 1517 an die Schlosskirche in Wittenberg geheftet hatte, führten nach heftigen Kämpfen zur Kirchen-spaltung. Mit dem Gedanken, dass der christliche Mensch die päpstliche Kirche als Mittler zwischen sich und Gott nicht mehr nötig habe, wurde das Prinzip der Gewissensfreiheit und Selbstverantwor-tung des Menschen begründet. Das theozentrische Bild begann sich zu einem anthropozentrischen zu wandeln, ein Prozess, der bis in unsere Zeit hinein wirkt.
Gleichzeitig bemächtigte sich der Erneuerungsge-danke auch der Philosophie. Die Renaissance-Hu-manisten, u. a. Erasmus von Rotterdam, wandten sich verstärkt den klassischen Schriftstellern zu und suchten eine veränderte christliche Identität in An-lehnung an die Antike.
Der Aufbruch machte sich in Experimentier- und Entdeckerfreude bemerkbar. Selbst in der Musik spürt man den Wandel. Mit der Renaissancemusik wurde die „klassische Musik“, wie wir sie heute verstehen, vorbereitet.
Weitere Meilensteine auf dem Weg in ein neues Zeitalter waren die Entdeckung Amerikas 1492 durch Columbus wie auch die Ablösung des geo-zentrischen Weltbildes durch das heliozentrische verbunden mit den Namen von Kopernikus (1473-1543) und Galilei (1564-1642).
Dass das neue Denken und Wissen sich in so kur-zer Zeit über ganz Europa verbreiten konnte, ist der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Guten-berg (um 1397 - 1468) zu danken. Denn hierdurch konnten Schriften, waren sie einmal in Lettern ge-setzt, in für damalige Zeit großen Stückzahlen verbreitet werden, was durch mühsames Abschreiben kaum zu erreichen gewesen wäre.
In der Baukunst der Renaissance wird der ange-sprochene Wandel als Abwendung vom Mittelalter besonders anschaulich. Er ist im Vergleich mit den Sakralbauten des Hochmittelalters als Aufbruch in eine neue zeit mit ihren veränderten Ordnungsprin-zipien evident. Die Antike war für den Renaissance-menschen die Wiederentdeckung seiner im Mittel-alter verdeckten Wurzeln. In diesem Sinne war sie, selbst wenn man auf die klassischen Formen und Prinzipien zurückgriff, stets nach vorne ausgerich-tet. Brunelleschi wandte sich bewusst von der aus dem Norden importierten „barbarischen“ Gotik ab und hatte sich zum Ziel gesetzt, seine Bauwerke nach den Bedürfnissen und Ansprüchen der neuen Zeit auszurichten. Neben den Sakralbau trat daher verstärkt der Profanbau. Die Bauherren waren der Adel und das reiche Bürgertum, die sich Schlösser und Stadtpaläste errichten ließen. Sie stellten in der Architektur ihre weltliche Macht und ihren Reich-tum zur Schau, und der Baustil wurde durch Architektenpersönlichkeiten geprägt. In Italien, zunächst in Florenz, später in Rom und anderen Städten entstanden eine Vielzahl von „Palazzi“, die noch heute zu bewundern sind und das Bild vom „bella Italia“ bestimmen. Auch in Deutschland, wo die Renais-sancearchitektur etwa hundert Jahre später Einzug hielt, entstanden eine Vielzahl von Schlössern und beachtenswerten Stadthäusern aller Art, wobei es zu einer feinen Differenzierung der Baustile kam.
In Deutschland zeigte sich der damals vollzogene Wandel von überlieferten Bautraditionen deutlich im Verfall der mittelalterlichen Burgen. Nach Erfin-dung des Schießpulvers und der neuen Schusswaffen hatten die früheren Macht- und Repräsentationszen-tren des höfischen Rittertums ihre Schutzfunktion verloren. Die Wehrtechnik und Kriegsführung war grundlegend verändert worden, und das Rittertum verlor seine politische Bedeutung. Der Adel zog sich zunehmend aufs Land oder in die Städte zu-rück, um den Anschluss an die neue Entwicklung nicht ganz zu verlieren und trat hier auch als Bau-herr von Renaissanceschlössern in Erscheinung, die zunächst noch Elemente des alten Burgenbaus er-kennen lassen. Hinzu kam, dass die Burgen keinen der Zeit entsprechenden Wohnkomfort mehr boten (s. Emscherschlösser S. 13). Die Vielfältigkeit der deutschen Entwicklung hat in den einzelnen Regio-nen reichhaltige Spuren hinterlassen.

Die Weserrenaissance

Renaissancebauten sind über ganz Europa verstreut. Eine besonders hohe Dichte aber entstand im 16. und 17. Jhd. entlang der Weser. Eine we-sentliche Voraussetzung für die rege Bautätigkeit war die wirtschaftliche Blüte im 16. Jhd. bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges.
Während am Niederrhein der spanisch-niederlän-dische Krieg tobte und diese Region, u. a. auch das Gebiet an der Lippe, in Anarchie versank, erfreute sich das Gebiet zu beiden Seiten der Weser guter Ernten und eines blühenden Handels. Man lieferte Getreide und Früchte an die Krieg führenden Partei-en und vermietete ihnen Söldnertruppen, was ein einträglicher Handel war. Der Adel und die Bürger-schaft erlangten Wohlstand und ein Selbstbewusst-sein, das in der Bautätigkeit seinen Niederschlag fand. Kein Wunder, dass sich hier bestimmte Stil-
22merkmale herausbildeten und zu einer eigenen Stil-richtung führten, die mit dem Begriff Weserrenais-sance belegt ist. Man baute nicht nur Schlösser und Rathäuser, sondern auch prächtige Bürgerhäuser und Gutshöfe. Viele dieser Bauten sind heute erhal-ten und werden gerade in letzter Zeit mit aufwändi-gen Mitteln restauriert. Häufig zitierte Beispiele für Renaissancerathäuser und -bürgerhäuser stehen in Lemgo und Hameln.
Welches nun sind die Merkmale der Weserrenais-sance? Das auffallendste Merkmal ist wohl die Utlucht oder Auslug genannt, ein vom Erdboden aus-gehender, erkerartiger Vorbau, der mitunter über mehrere Stockwerke hinaufgeht. Dieser ist fast immer durchfenstert, damit der Ausblick rundum gewährleistet ist, und meist reich mit Figuren und Ornamenten verziert, vor allem dann, wenn nur ein einziger Erker die Fassade schmückt. Ein wei-teres unverkennbares Merkmal sind die mit Volu-ten und halbkreisförmigen Muschelornamenten ausgestatteten, geschwungenen (welschen) Giebel, bei Häusern überwiegend zur Straßenfront ausge-richtet, denen Kugeln und fialenartige Pyramiden und kleine Säulen aufsitzen. Hinzu kommen Kerb-schnitt-Bossensteine, in der Fassade eingelassen oder als Bestandteil der Eckquaderung. Die Weser-renaissance ist nun nicht nur einer isolierten regio-nalen Tradition entsprungen, sondern als Ausläufer der europäischen Renaissancearchitektur zu verste-hen. Berühmte Baumeister haben jedoch persönli-che Stilmomente geprägt, wodurch sich ein eigener Stil, eben die Weserrenaissance, ausprägen konn-te. Überraschend aber ist, dass in vielen Fällen der Baumeister nicht bekannt ist und auch die inten-sive Suche nach einem Steinmetzzeichen erfolglos blieb.

Die Lipperenaissance

War die Weserrenaissance ein letzter Ausläufer der Renaissance mit eigenen Stilelementen und in der Kunstgeschichte auch als eigene Stilrichtung etab-liert, so scheint der Begriff Lipperenaissance örtlich begrenzt zu sein. Sie wird in der Literatur kaum oder gar nicht erwähnt. Eigentlich stößt man erst bei der Beschäftigung mit den Schlössern an der Lippe auf den Begriff Lipperenaissance. Sie ist eine Abart der Weserrenaissance, deren wesentlichen Merkmale bei diesen Bauwerken wiederkehren.
Als Laurentz van Brachum am 1. Juli 1560 den Generalauftrag für die Gestaltung der heute noch erhal-tenen Hoffassade des Nordwestflügels von Schloss Horst (s. Emscherschlösser) erhielt, hatte poetisch gesprochen die Geburtsstunde für die Lipperenaissance geschlagen. Für die Ausschmückung der Ga-lerie übernahm er Gestaltungsornamente aus dem Manierismus, der sich in den Niederlanden entwickelt hatte, und erhob sie zu einem unverwechsel-baren Dekorsystem, das für die Lipperenaissance typisch werden sollte. Es folgten weitere Schloss-bauten, u. a. Haus Hovestadt, Haus Assen und Haus Overhagen, die ausschließlich in der Lippeaue lie-gen. Ihnen allen gemeinsam ist das plastische Beschlagwerk, d. h., die Ornamente treten deutlich, in der Regel eine halbe Ziegelsteinbreite aus dem Mauerwerk hervor. Die Ornamente, bestehend aus Kreisen, Halbkreisen, Rauten und Quadraten sind durch Bänder zu einem Netzwerk verbunden. Die Fenster sind häufig flankiert von Pilastern und über-dacht von Rundbögen mit gekröpftem Sturzgesims oder Dreiecksgiebeln, manche gefüllt mit Masken oder Kartuschen. An den Gesimsbändern findet sich reiches Figurenwerk. Insgesamt wirken man-che Fassadenabschnitte überladen, was jedoch von schlichteren Seiten- und Rückfassaden gemildert wird und letztlich, besonders in Haus Assen und Hovestadt zu einem geschlossenen Gesamtein-druck führt, der durch seine Andersartigkeit gegenüber sonstigen Renaissanceschlössern beeindruckt.
Man mag sich fragen, ob einige wenige Schlossbauten eines einzigen Architekten dazu berechtigen, diese als einem eigenen Baustil zu bezeichnen. Steht man aber einem dieser Schlösser gegenüber, so springt die eigenwillige Ornamentik ins Auge. Auch der weit gereiste Burgenfreund wird sich nicht erinnern können, in Deutschland eine ähnli-che, großflächige Ornamentik einer Fassade schon gesehen zu haben. Und so mag der Begriff „Lipperenaissance“ wegen der Unverwechselbarkeit seiner Fassadengestaltung durchaus seine Berech-tigung haben.

Laurentz van Brachum

Der Begründer der Lipperenaissance und einer der bedeutendsten Baumeister seiner Zeit. Seine Identi-tät ist nicht eindeutig geklärt. Es dürfte sich um den aus Wesel stammenden Laurentz Steynhower handeln, der in der ersten Hälfte des 16. Jhd geboren und 1586 gestorben ist. Er war ab 1558 als Hand-werker auf der Baustelle von Schloss Horst im heutigen Gelsenkirchen tätig. Sein Wochenlohn betrug für die Wintermonate nur einen halben Taler, wobei die Wohnung in der Freiheit vor dem Schloss so-wie zwei Fuder Holz und ein Gemüsegarten hinzu kamen. Er arbeitete sich in eine leitende Funktion auf der Baustelle und erhielt 1560 den Generalauf-trag für die Gestaltung der heute noch erhaltenen Hoffassade des Nordwestflügels von Schloss Horst. Er verwandte hierbei Stilelemente des in den Nie-derlanden entwickelten Manierismus. Dies war die Geburtsstunde einer Variante der Weserrenaissance, die später von Richard Klapheck als „Lipperenais-sance“ bezeichnet wurde. Da Steynhower des Le-sens und Schreibens unkundig war, unterzeichnete er mit seiner Hausmarke, die von anderen beglau-bigt werden musste. Wohl aufgrund seines Erfolges hatte er sich zu dieser Zeit den Namen Laurentz von Brachum zugelegt, unter dem er dann die herr-lichen Schlösser an der Lippe und im südlichen Münsterland erbaute.