| piccolo-verlag |
|
Die Ruhr - ein Fluß wie jeder andere? Das Ruhrtal - eine Kulturreise Die Ruhr erreicht das Ruhrgebiet Auf den letzten Metern zur Mündung Redensarten aus der Zeit der Burgen und Schlösser (PDF)
|
Die
Ruhr
Ein Fluss wie jeder andere? Wer zum ersten Mal an die Quelle der Ruhr kommt, kann es kaum glauben, dass dieses kleine Rinnsal, das aus einem schmalen Rohr herauströpfelt, die Ruhrquelle ist und zugleich zum Namensgeber für das größte Industriegebiet Deutschlands, dem Ruhrgebiet wurde. Sie ist es wirklich, denn mehrere Schilder weisen den Weg zu ihr. Um hier seinen Durst zu stillen, muß man einige Sekunden warten, bis sich der Becher gefüllt hat. Während dieser Zeit bliebe die Ruhr stehen, würde sie nicht aus zahlreichen Bächen und Nebenflüssen gespeist werden. Ehe aus diesem Rinnsal, das über eine aus Kalksandstein geformte Rinne im Sonnenlicht silbrig glänzend dahin eilt, ein Fluss wird, müssen viele Kilometer zurückgelegt werden. Denn schon nach wenigen Metern verschwindet sie im hohen Gras eines blühenden Wiesenhanges, bis sie unter einer kleinen Holzbrücke zum Vorschein kommt, um sich danach wieder den Blicken zu entziehen. Es ist schwierig, der Ruhr auf ihren ersten Kilometern zu folgen, denn sie schlängelt sich durch Wiesen und Gebüsch. Kein Weg begleitet sie. Nur hin und wieder überquert man sie auf einer Brücke. Wer es nicht weiß, überquert sie mehrmals ohne zu ahnen, dass das Bächlein da unten die Ruhr ist. "Jeder große Fluss hat einmal klein begonnen. Die Ruhr aber stammt aus besonders kleinen Verhältnissen", könnte man einem Ausspruch des Freiherr von und zu Aufseß zustimmen, der dieses vom Main gesagt hat. Die Ruhr entspringt im Hochsauerland auf dem Ruhrkopf, 674 Meter über NN, unweit von Winterberg und Brilon. Auf ihrem Weg bis zur Mündung legt sie eine Strecke von 219 km zurück, ehe sie bei Duisburg-Ruhrort in den Rhein mündet. Auf diesem Weg überwindet sie ein Gefälle von 657 Meter. Sie befördert im Mittel 80 Kubikmeter pro Sekunde. Das entspricht einer Wassermenge von 2.522 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Wahrlich, eine gewaltige Menge. Der Name Ruhr wird abgeleitet vom griechischen Verb fließen, und bedeutet soviel wie das "Fließende". Den gleichen etymologischen Ursprung dürften auch Rhein, Rhone, Rur (Roer) und Rubico haben. "Panta rhei", alles fließt, alles ist in Fluss, sagte 500 v. Chr. der griechische Philosoph Heraklit. Das kann man auch von der Ruhr in vollem Umfang behaupten, denn sie hat mit ihren Wassern unzählige Räder in Landwirtschaft und Industrie bewegt und gibt noch immer Millionen von Menschen das lebensnotwendige Element Wasser. Historisch gesehen hat die Ruhr vor der Industrialisierung keine herausragende Rolle gespielt. Die Römer haben sie auf ihren Eroberungszügen gegen die Germanen gemieden. Vielleicht waren ihnen die angrenzenden Wälder zu düster und der Weg an ihrem Ufer zu verschlungen. Denn die Ruhr windet sich in unglaublich vielen Schleifen durch die Landschaft. Die Römer bevorzugten auf ihrem Weg nach Osten die Lippe, die weniger verschlungen durch offenes Gelände ins Innere von Germanien führte. Auch die große Handelsstraße des Mittelalters, der Hellweg, ein aus vorrömisch-germanischer Zeit stammender Verbindungsweg zwischen Rhein und Weser, von Duisburg-Ruhrort über Dortmund, Soest und Paderborn, nahm seinen Weg parallel zur Lippe. Bei seinem Kampf gegen die heidnischen Sachsen nutzte auch Karl der Große den Hellweg für seine Kriegszüge und ließ an dieser Route Königshöfe errichten, aus denen später Adelssitze hervorgingen und Ansiedlungen zu Städten wuchsen. Dies mag einer der Gründe sein, dass außer Mülheim a. d. Ruhr kein einziges Großstadtzentrum direkt an der Ruhr liegt. Die großen Ruhrgebietsstädte wie Essen, Dortmund, Duisburg und Bochum haben sich zwar bis an die Ruhr vorgeschoben. Ihre Stadtzentren und somit der historische Kern liegen jedoch deutlich abseits der Ruhr, nämlich entlang des Hellweges. Die Ruhr wird von zahlreichen Nebenflüssen und kleineren Bächen gespeist. Die größten sind Lenne, Möhne und Volme. Erwähnenswert ist auch die Henne mit der gleichnamigen Talsperre sowie die Röhr mit Sorpe und deren Talsperre. Ihr Flussgebiet und zugleich das Einzugsgebiet beträgt 4.485 Quadratkilometer. Die Ruhr und die Kohle, eine Symbiose Die Ruhr hat in der Industriegeschichte des Ruhrgebietes eine bedeutende Rolle gespielt. Sie war für mehr als hundert Jahre der wichtigste Transportweg für Kohle, ehe sie diese Rolle an die Eisenbahn abgeben musste. Zuvor wurde die Kohle auf Pferdefuhrwerken über weite Strecken zu den meist industriellen Verbrauchern, im wesentlichen zu den Eisen- und Stahlerzeugern transportiert. Das war in den "schlechten" Jahreszeiten ein schwieriges Unterfangen. Denn bei den unbefestigten Straßen blieben die Fuhrwerke oftmals im Schlamm stecken. Die Versorgung mit Kohle stockte dann, was bei der Eisen- und Stahlerzeugung, einem kontinuierlichen Prozess, nicht hinnehmbar war. Auf Betreiben des preußischen Königs Friedrich des Großen begann man in den Jahren 1776-1780 die Ruhr zwischen Langschede (bei Fröndenberg) und der Mündung schiffbar zu machen. Die Strecke zwischen Langschede und Witten wurde allerdings 1801 wegen zu geringen Frachtaufkommens wieder aufgegeben. Die Strecke zwischen Witten und Mülheim a. d. Ruhr, ab 1844 dann bis Duisburg-Ruhrort, womit der Anschluss an den Rhein erreicht wurde, hatte eine Länge von 74 km. Wegen des starken Gefälles von 54 m mussten zahlreiche Staustufen und 12 Schleusen gebaut werden. Trotz dieser Erschwernisse blieb die Ruhr die Schlagader des Kohlereviers. In dieser Zeit, zwischen 1800 und 1820 kam der Begriff "Ruhrgebiet" für das sich entwickelnde Industriegebiet auf. Die Kohle wurde auf sogenannten Aaken transportiert. Diese hatten Abmessungen bis zu 38 m Länge und 5 m Breite und waren mit Segeln ausgerüstet. Ihr Tiefgang betrug maximal 1,10 m. Sie konnten Lasten bis zu 175 t aufnehmen. Das Hauptverkehrsaufkommen war durch den talwärts gerichteten Kohletransport bedingt. Die Schiffe wurden an den Kohlelagern der Zechen beladen und löschten ihre Fracht flussabwärts bei den Kohledepots der einzelnen Industrieanlagen bzw. den Auslieferungslagern zum Export und für den Hausbrand. Von diesen sog. Kohlenniederlagen gab es 85. Hieraus kann man entnehmen, welche Bedeutung die über das Jahr gesehen gleichmäßige Versorgung mit Kohle für deren Abnehmer hatte. Die meist leeren Schiffe wurden mit Pferden
auf den Leinpfaden zu den Kohlelagern stromaufwärts
gezogen. Je nach Beschaffenheit des Ufers
wechselte der Leinpfad die Seite. In einem
solchen Fall wurden die Schiffe an Land gefahren,
die Leinen eingezogen und die Pferde mit dem
Treiber auf das Vorderteil des Schiffes übernommen.
Mit Hilfe des Segels legte das Schiff auf
der gegenüberliegenden Seite an, wo die
Pferde ans Ufer sprangen und die Reise fortgesetzt
wurde. Ein solcher Vorgang wurde Überschlag
genannt und war sicher nicht unproblematisch.
Die reine Fahrzeit ohne Aufenthalt an den
Schleusen, die unterschiedlich sein konnte,
betrug zwischen Duisburg und Witten etwa 26
Stunden, die Talfahrt von Witten nach Duisburg
nur 16 Stunden. In der Anfangsphase der Ruhrschifffahrt
gab es allein zwischen Herdecke und Duisburg-Ruhrort
mehr als 10 Wehre, an denen die Kohle umgeladen
werden musste. Es war eine körperlich
schwere und zeitraubende Prozedur in einer
Zeit, da es noch nicht die technischen Hilfsmittel
unserer Zeit, wie etwa Förderbänder,
gab. ... (Ausschnitt) |